Anna Pfeiffer
Ihr ganzes Leben hat sie hart gearbeitet, meine Mutter, Anna Pfeiffer. Sie war eine fröhliche, unternehmungslustige Frau, die, so denke ich, glücklicher gewesen wäre, wäre sie statt am 18. Oktober 1921 am 18. Oktober 1974 geboren worden. Die Frauen hätten dann schon das Stimmrecht gehabt und ihre persönlichen Rechte wären ein wenig grösser gewesen.
Als sich Anna Pfeiffer – damals hiess sie Hostettler – von meinem Vater scheiden liess, pfiff ein eisiger Wind. Eine starke Frau, das sollte es nicht geben. Obwohl mein Vater mit einer anderen Frau lebte, fand das Gericht, eine Frau habe keine Scheidung einzureichen. Die Richter wollten sie für diese Ungehörigkeit bestrafen. Deswegen wurden ihr keine Alimente zugesprochen und nur wenig Unterstützung für die drei Kinder gewährt.
Aber Anna Hostettler konnte nicht bestraft werden. Sie war glücklich mit ihren drei Kindern, fand einen Weg, uns alle zu ernähren, auch wenn es lange Arbeitstage wurden. Ich habe meine Mutter kaum je nicht arbeiten sehen, aber sie managte unser Leben prima. Heute wäre sie CEO eines grossen Konzerns, damals schuf sie ihr eigenes, wunderbares Haute-Couture-Atelier, das alle Herrenländer mit ihren Stars und Staatsgrössen belieferte. Bravo, Mama.
Anna Pfeiffer hat wunderbar gezeichnet und gemalt, auch geschrieben. Sie hat uns gefördert, uns unterstützt und sich für uns gewehrt. In eisigen Wintertagen schickte sie ihre beiden Töchter mit selbstgenähten langen Hosen in die Schule. Und das machte Schule. Andere Mütter hielten das für eine gute Idee und setzten sich durch: Mädchen sollten vernünftige Kleider tragen dürfen.
Leider habe ich meine Mutter früh «verloren.» Ich war grad mal zwanzig, hatte die Matura in der Tasche und wollte Anglistik studieren. Das fand Mama unangemessen. Sie wurde ganz wild. Sie wollte, dass ich etwas Richtiges erlernen würde. Etwas, das auch in schwierigen Zeiten Brot ernten würde. Es waren ihre eigenen Lebenserfahrungen, die sie so streng werden liess.
Vielleicht war sie auch noch immer enttäuscht über einen früheren Verehrer, der an der Uni Zürich Jus studiert hatte und sie schnurstracks fallen liess, als dessen Eltern meinten, Anna Pfeiffer sei wohl nicht die richtige Partie für ihren Sohn.
Meine Mutter kam aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern waren Bauern, die in den 20ger Jahren Hab und Gut verloren und in die Stadt zogen, um sich als Tagelöhner durchzuschlagen. Anna lernte früh anzupacken und mitzuhelfen. Trotzdem fand sie Zeit, Theater zu spielen, zu singen, zu nähen. Nähen wurde ihr Beruf, auch das Schreiben erlernte sie im professionellen Stil und wurde Korrespondentin für Modezeitschriften, für die sie nach Mailand, Paris und London fuhr.
Dann kamen mein Vater und das erste Kind und damit das Ende einer erblühenden spannenden Karriere. Nach dem dritten Kind, das bin ich, löste sie sich aus den Fängen einer traurigen Ehe, und schuf ihr eigenes kleines Reich. Dank anderen mutigen Frauen konnte sie ihren früheren Namen wieder übernehmen: Sie wurde wieder Anna Pfeiffer.

Was mir meine Mutter mitgegeben hat: Nie aufzugeben. Sich nicht einschüchtern zu lassen. Verträge genau zu studieren. Soweit wie möglich unabhängig zu bleiben. Die Menschen kritisch einzuschätzen. Vor allem aber, sich selber zu bleiben, was immer das heissen mochte. Was aus mir geworden ist? – Kommen Sie in die federbar und schauen Sie sich um.